| English | Galerie | Ausstellungen | Medien | Texte | Vita | Gedanken | Kontakt | Links | News | Aktuell | ||
Dieter Asmus |
![]() |
||
Dieter Asmus | Der ewige Moment - Realistisch malen, weil es die Fotografie gibtAls Kind hielt ich Fotos für Zauberei - kein Wunder, dass ich über die Fotografie zur Malerei gekommen bin. Mein erstes Bildmedium waren also die üppigen und übrigens sehr scharfen "6 x 9"-Negative der berüchtigten "Agfa-Box", die es für vier Mark zu kaufen gab. Sie hatte einen Fixfokus ohne Parallaxenausgleich, was oft dazu führte, dass die "geknipsten" Personen entweder elend weit weg und nahezu unidentifizierbar im Hintergrund rumstanden oder vom Bildrand (Manets "Nana" lässt grüßen) hochkant halbiert oder gar enthauptet wurden! Was mich zunächst zur Raserei brachte, erwies sich im Laufe der Zeit als wahrer Segen, denn diese "Fehler" der Fotografie (rasante Perspektive, Anschnitt) führten, wenn auch anfangs ungewollt, zu einer enormen Steigerung des Ausdrucks: Der erste Schritt vom Abbild zum Bild - und damit zum gezielten Einsatz der Bildmittel - war getan. "Was ich fotografieren kann, brauche ich nicht zu malen." Dieser reichlich voreilig aus der Hüfte abgeschossene Satz von Oskar Schlemmer hat wahrscheinlich mehr kulturgeschichtlichen Schaden angerichtet als der letzte Bildersturm. Klingt süffig, hört sich schlüssig an, ist aber dennoch höherer Blödsinn. Ein schiefer Antagonismus, denn das Foto muss, sozusagen von Natur aus, gegenständlich abbilden, die Malerei ist aber nicht von Natur aus abstrakt (das Jahrhundertmissverständnis). Die Fotografie bildet aufgrund ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften Helldunkel-Reize ab, die Malerei kann Dinge wie eine Architektur konstruktiv-funktional neu herstellen. Die bisher unerreichte Stärke des Fotos ist das Dokument, die Stärke der Malerei, ob den Dingen verpflichtet oder nicht, ist die Vision. Das Foto kann sehr viel, die Malerei kann fast alles: Schleich dich, Schlemmer! Interessant für die Kunst wird es da, wo beide Medien sich überschneiden, wo sie voneinander lernen und profitieren können. Zum Beispiel: Ein Vogel schießt am Fenster vorbei - wie das in allen Einzelheiten wirklich aussieht, darüber gibt nur die Zeitlupe beziehungsweise die Schnellschusskamera (Stichwort: "Kurzzeitbelichtung") Auskunft, weil die Bewegung viel zu rasant für unser Auge und Gehirn ist. Oder: Wir wissen zwar, dass der Kopf eines Menschen nicht wesentlich kleiner sein sollte als seine Füße. Der in der Hängematte liegende Großvater, von den Beinen her fotografiert, belehrt uns aber, dass die optische Perspektivflucht einen Kopf unter Umständen auf ein Zehntel dessen schrumpfen lässt, was wir zu sehen meinen ("Weitwinkel"). Selbstverständlich kennen wir die Farbe der Teetassen, die wir benutzen, des Tischtuchs, der Möbel - bei normalem Lampenlicht aufgenommen, zeigt das Foto allerdings, dass alle Dinge in "Wirklichkeit" hoffnungslos schwefelgelb aussehen ("Farbstichigkeit")! Soweit die Fotografie, aber was habe ich als Maler davon? Das Komische ist ja, dass uns das Foto in der Zeitung oder im Fernsehen nicht bewusst wird. Wir nehmen es praktisch, als Erlebnisersatz, Andenken, Gedankenstütze, aber nicht als ästhetische Figur. Erst die Übersetzung ins "Kunst"-Medium Gemälde - mit deutlichen Stilisierungen in Richtung Ausdruck - schafft diese ominöse Ordnung, die für unser Gemüt fassbar und für unsere Zeit angemessen ist: ohne Form keine Mitteilung. Während das Foto den fliegenden Vogel in einer tausendstel Sekunde einfriert, jede einzelne Feder ein für alle Mal in scheinbar abartiger Bewegung fixiert, mumifiziert, stellt das Bild ihn unter Weglassen aller Zufälligkeiten exemplarisch her. Durch Isolierung und ausdrückliche Negation der Bewegung wird diese umso deutlicher spürbar. So gesehen male ich realistisch nicht obwohl, sondern weil es die Fotografie gibt. An dieser Stelle sei der Fotografie, die mir ja künstlerisch aufs Pferd geholfen hat, einmal gedankt! Die mechanischen Bildmedien (Foto, Film, TV, Video) haben unser gegenständliches Weltbild nachhaltig umgekrempelt, unser optisches Sensorium entschieden verlängert und erweitert und so ungeahnte Anblicke ermöglicht. Neue Anblicke der angeblich so altbekannten Dinge aber reizen Künstler besonders und als erste. Mit Hilfe der Fotografie sind wir Maler jenseits der Moderne rausgekommen und weit über sie hinausgelangt. Wir können jetzt einen sehr anders gearteten Blick auf die erfrischte Gegenstandswelt werfen - und formulieren! Auf einem ganz anderen Blatt steht, was die Fotografie, von ihrer Erfindung bis heute, der Malerei verdankt. Dieter Asmus (Jahrgang 1939) ist Maler und Mitbegründer der Gruppe Zebra | Kunstzeitung, Nr. 68, April 2002 |
||